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„Großes Geschenk und schwerer Rucksack“

Wann übergebe ich den Hof? Wie sichere ich meine Eltern ab? Darum geht es im Seminar „Die Hofübergabe“ der Weiterbildungsgenossenschaft des Südtiroler Bauernbundes. Doch wie sieht es in der Praxis aus?

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Die SBB-Weiterbildungsgenossenschaft organisierte kürzlich wieder in allen Bezirken Seminare zum Thema „Hofübergabe“. Diese sind immer gut besucht und bereiten Hofübergeber und Hofübernehmer auf diesen wichtigen Schritt vor. Neben wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen und steuerrechtlichen Aspekten wird auch über soziale Absicherung und das Zusammenleben der Generationen am Hof gesprochen. Doch wie wenden die Absolventen des Kurses dieses Wissen an? Wie verläuft eine Hofübernahme für alle Beteiligten? Welche Probleme gibt es? Diese Fragen haben sich die Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund und die Südtiroler Bauernjugend, zwei der Mitveranstalter der Seminarreihe, gestellt und unter ihren Mitgliedern nachgefragt.

Hof vor Kurzem übernommen

Nathalie Schwienbacher führt seit einigen Monaten den „Oberschlummhof“ am Schludernser Berg. Sie arbeitet schon einige Jahre auf dem Bergbauernhof mit Viehzucht. Ihr Onkel hat ihr den Hof übergeben. Die 26-Jährige hat sich damit einen Traum erfüllt. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Partner, ihrem dreijährigen Sohn und ihrem Onkel auf dem steilen Hof. „Ich hätte gerne schon früher übernommen, aber mein Onkel war noch nicht soweit“, sagt sie. „Er konnte sich lange nicht damit anfreunden, dass in Zukunft eine Frau den Hof weiterführen soll. Er hat ein traditionelles Bild von der Rolle der Frau am Hof“, fügt sie hinzu. Es dauerte einige Jahre, bis ihr Onkel überzeugt war, dass es Zeit ist, den Hof zu übergeben.

Zeit für die Übergabe wurde es auch auf dem „Gandlerhof“ in Mitterolang: Seit letztem Jahr ist Markus Felder der „neue“ Bauer. „Die Hofübergabe war nur mehr eine formelle Sache“, erklärt der 26-Jährige. „Mein Vater und ich haben uns nicht wirklich darauf vorbereitet. Ich habe nach meiner Ausbildung in der Landwirtschaftsschule immer mitgearbeitet und mitentschieden, was auf dem Hof gemacht wird“.

Aller Anfang ist schwer

Für beide Hofübernehmer ging es nach der offiziellen Übergabe weiter wie bisher. Harte Arbeit im Stall, auf dem Feld und im Haushalt: „Ich bin den ganzen Tag ‚aft Haxn‘“, erklärt Nathalie. „Nur die ‚Zettlwirtschaft‘ ist mehr geworden“, meint Markus. Dem kann auch Nathalie beipflichten. Für Konflikte sorgen oft unterschiedliche Werte und Ziele der Generationen am Hof. „Veränderungen und neue Ideen am Hof müssen Schritt für

Schritt erfolgen. Es wäre nicht richtig und auch nicht möglich, von heute auf morgen alles zu verändern“, meint Nathalie. „Es ist für den Übergeber und für den Übernehmer des Hofs auch eine große psychische Umstellung – deshalb sollte man alles langsam angehen“, ist sie überzeugt. Markus stellt den „Gandlerhof“ langsam auf biologische Landwirtschaft um.

Hofübergeber müssen sich absichern

Dass Veränderungen schrittweise erfolgen müssen, davon ist auch Josef Weissteiner überzeugt. Der 68-jährige „Altbauer“ vom Weissteinerhof in Pfitsch hat den Hof schon vor über zehn Jahren übergeben. „Damals haben wir am Hof einiges erneuert und investiert. Ich habe gespürt, dass mein Sohn den Hof gerne übernehmen würde. Er war voller Tatendrang. Da haben wir angefangen, mit allen Beteiligten darüber zu sprechen“, erinnert sich Josef. Für die Familie war es wichtig, dass alle mit der Entscheidung einverstanden sind. „Die Geschwister durften noch so lange zu Hause leben, wie sie wollten. Und alle haben verstanden, dass das Überleben am Hof schwierig ist. Erst recht, wenn noch Schulden abzubezahlen sind“, sagt er. Josef und seine Frau haben das Wohnrecht auf Lebzeiten auf dem Hof und sind finanziell abgesichert. Sie bearbeiten einen Hektar Grund des Hofes – der Ertrag ist für sie eine zusätzliche Einnahme. Finanziell abgesichert sind auch Nathalies Onkel und die Eltern von Markus. Das ist selbstverständlich nach einer Hofübernahme – da sind sich alle einig.

Reden, reden, reden

Es ist nicht immer einfach, wenn verschiedene Generationen am Hof zusammen leben und arbeiten. Nathalie weiß das. „Mein Onkel hat keine Familie – er konnte immer alles alleine entscheiden. Deshalb hat er mich selten miteinbezogen. Das zu akzeptieren war nicht immer leicht für mich“, sagt sie. Sie ist es von zu Hause aus gewohnt, dass alle gemeinsam entscheiden. Sie möchte, dass am Hof alle gut leben, arbeiten und auskommen. Wenn es Probleme gibt, hilft nur eines: reden, reden, reden. Diskutieren und Kompromisse eingehen sind auch für Markus ausschlaggebend für ein gutes Miteinander. Getrennte Wohnungen auf dem Hof tragen auch dazu bei, ist Josef überzeugt. Einig sind sich alle, dass mit der Hofübergabe nicht zu lange gewartet werden soll – auch wenn der Zeitpunkt in jeder Familie individuell ist. Und nach der Übergabe sollten „jung“ und „alt“ weiterhin gemeinsam auf dem Hof arbeiten und leben können. „Dem Hofübergeber muss bewusst sein, dass eine Übergabe ein großes Geschenk, aber auch ein schwerer

Rucksack für den Übernehmer ist,“ meint Nathalie abschließend. „Heute einen Hof zu bewirtschaften, ist alles andere als einfach. Und genauso soll der Hofübernehmer dieses Geschenk zu schätzen wissen und verantwortungsvoll damit umgehen.“

Interview mit Gottfried Oberstaller, Landespräsident der Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund:
„Wichtig, dass beide Elternteile des Hofübernehmers für später abgesichert sind“

Herr Oberstaller, wann ist der richtige Zeitpunkt für die Hofübergabe?

Gottfried Oberstaller: Jede Familie ist verschieden, so auch der richtige Zeitpunkt für die Übergabe. Ich selbst habe den Hof frühzeitig übergeben. In jedem Fall sollte man schon früh genug daran denken und mit allen Beteiligten (Hofübergeber, Hofübernehmer und Weichenden) sprechen. Oft ist den Weichenden nicht bewusst, was ein „geschlossener Hof“ bedeutet. Deshalb müssen alle gut informiert sein und ihre Anliegen und Bedürfnisse mitteilen. Der Kurs „Hofübergabe“ der SBB-Weiterbildung, der regelmäßig in allen Bezirken stattfindet, ist ein gutes Instrument, um Übergeber und Übernehmer mindestens ein Jahr vor der Hofübergabe vorzubereiten.

Was sollten Hofübergeber beachten?

Es ist wichtig, dass beide Elternteile des Hofübernehmers für später abgesichert sind. Dies sollte schriftlich festgelegt werden, denn man kann nie wissen, wie lange eine mündliche Vereinbarung gültig ist. Das Wohnrecht auf Lebzeiten sollte im Vertrag und im Grundbuch eingetragen werden. Auch der Unterhalt des Übergebers und seines Ehepartners muss angemessen sein. Der Hofübernehmer sollte aber nicht zu viel finanziell belastet werden – er muss mit seiner eigenen Familie vom Ertrag des Hofes leben können! Bei finanziellen Fragen sollte man sich im Vorfeld gut beraten lassen.

Was raten Sie Hofübergebern?

Man soll die „Jungen“ ihre eigenen Fehler machen lassen und diese auch akzeptieren!  Und nicht überall dazwischenreden und Veränderungen zulassen. Probleme sollten von beiden Seiten sofort angesprochen werden. Wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, lassen sich Konflikte leichter bewältigen. Oft fühlen sich Eltern nach der Hofübergabe nicht mehr „gebraucht“. Deshalb sollten der Hofübergeber bzw. beide Elternteile so lange sie es schaffen, weiterhin am Hof mitarbeiten können – das sollte selbstverständlich sein.
Interview: Andrea Vieider


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